Die Weihnachtsgeschichte einmal anders

nicht Maria und Josef sind auf Herbergsuche, sondern über 300 Kinder und 40 Lehrerinnen und Lehrer

Vielen älteren Menschen ist sicherlich der Film von Werner Jacobs aus dem Jahr 1969 „Hurra – die Schule brennt“ noch in Erinnerung. Wenn jemand von diesem Szenario dann direkt betroffen ist, egal ob Erwachsener oder Kind bzw. Schüler/in, dann verschwindet das „Hurra“ am Beginn des Titels sofort. Sehr groß war die Betroffenheit bei den Menschen im Oberen Mölltal, nachdem in der Nacht zum 14.November auf Grund eines elektrischen Defekts in der Schule ein Brand ausbrach, der großen Schaden anrichtete. Vor allem auch durch die enorme Hitzeentwicklung, die nicht nur die schöne Aula unserer Schule vollständig vernichtete. Dabei haben wir noch Glück gehabt. Hätte nicht Klaus Lerchbaumer nachts auf dem Weg zu seiner Arbeit sofort Alarm geschlagen, wäre wohl das gesamte Schulgebäude ein Raub der Flammen geworden.

 


Rauch und Ruß breiteten sich im gesamten Schulgebäude aus, sodass wir gezwungen waren, uns auf Herbergsuche in Winklern zu machen. Wichtig war, sofort und möglichst unbürokratisch zu handeln, damit für unsere Schüler/innen schnell wieder ein einigermaßen normaler Unterrichtsalltag stattfinden konnte. In dieser Situation hat sich gezeigt, wie in schwierigen Situationen die Bevölkerung zusammensteht, Solidarität zeigt und spontan ihre Hilfsbereitschaft unter Beweis stellt. Überall wo wir anklopften bei unserer Herbergsuche, wurde uns aufgemacht, es erging uns viel besser als es in der Weihnachtsgeschichte erzählt wird, wie Maria und Josef überall abgewiesen wurden und sie schließlich in einem kleinen Stall eine Bleibe fanden. Es waren nicht nur jene Menschen in Winklern, die uns ein Quartier zur Verfügung stellten oder direkt beim Umsiedeln Hand anlegten, die in dieser Situation ihre Verbundenheit mit unserer Schule zeigten, sondern sehr viele, vor allem Eltern unserer Schüler/innen, die spontan Hilfe zusagten und anfragten, wie und wo sie uns helfen können. Um auf den Filmtitel am Beginn zurückzukommen: Die Kinder freuten sich nicht, dass der Unterricht nun einige Zeit ausfällt, sondern sie waren tief betroffen und nicht wenige weinten beim Gedanken an dieses Unglück, wie uns Eltern erzählten. Bei all diesem Missgeschick und den damit einhergehenden Umständen ist es ein gutes Gefühl für uns direkt Betroffene, zu wissen, dass nicht nur unsere Schüler/innen, sondern die ganze Region eine starke Verbundenheit mit dem Bildungszentrum des Oberen Mölltals hat. Es war vielen ein wirkliches Herzensanliegen, in einer solchen Situation nicht nur sein Mitgefühl zu bekunden, sondern auch unterstützend anzupacken.Für mich als Direktor des „Schulverbundes Winklern – Nationalparkschulen“ war neben der großen Unterstützung aus der Bevölkerung auch der Teamgeist der Lehrer/innen ein Beweis dafür, dass wir auch schwierige Phasen gut meistern können und jene Verlässlichkeit da ist, die eine erfolgreiche Arbeit sowohl im Alltag als auch in Krisensituationen ermöglichen. Auch unser Schulwart mit dem Reinigungspersonal, die Gemeindearbeiter, Eltern und Privatpersonen „spuckten in die Hände“ und machten gemeinsam mit unserem Lehrer/innenteam diesen raschen Umzug in unsere Ersatzquartiere möglich.

Am Tag nach dem Brand wurden in einer „Krisensitzung“ des Lehrer/innenteams die Weichen für die jetzige Situation gestellt, am Mittwoch nach dem Brand wurde umgesetzt, was tags zuvor beschlossen wurde. Lehrer/innen, Reinigungspersonal, Gemeindearbeiter und freiwillige Helfer verfrachteten Tische und Sessel auf Pritschenwagen und andere Fahrzeuge, transportierten sie in die neuen Unterkünfte und die Lehrer/innen richteten dort die „neuen Klassen“ so ein, dass die Schüler/innen drei Tage nach dem Brand wieder Klassenräume vorfanden, die ein Lernen unter guten Bedingungen ermöglichen. Um alle Schüler/innen mit der neuen Situation vertraut zu machen, informierte der Direktor alle im Turnsaal, übrigens der einzige Gebäudeteil, der unbedenklich genutzt werden konnte, wer wo in den nächsten Wochen sein wird und wie „Schule“ in dieser Zeit funktionieren wird, bis wir wieder in unser Haus einziehen können.

 

 

Für den Unterricht braucht es aber nicht nur Räume, sondern auch bestimmte Hilfsmittel, wie zum Beispiel Schultafeln oder diverse andere Dinge, die ein Lehren und Lernen ermöglichen. Für diese Hilfe gilt unser Dank der Tischlerei Suntinger & Wallner aus Lainach, die in Akkordarbeit 12 bereits ausgeschiedene Wandtafeln, mehrere davon aus der Volksschule Rangersdorf, mit einem stabilen Gestell versahen und sie in der Folge auch gleich in unsere Klassen in ganz Winklern transportierten.

Diese Tafeln verbreiten einen Hauch von Nostalgie in den Räumen und sowohl Kinder als auch Lehrer schätzen in einer solchen Lage wieder Dinge, die im modernen schulischen Alltag schon durch neue Technik ersetzt waren.Das Leben in Winklern hat sich verändert seit das ganze Dorf plötzlich Schule ist, sagen viele Menschen in unserer Gemeinde. Es ist viel mehr los im Ort, weil die Kinder am Morgen in alle Richtungen ausschwärmen um „ihre Klasse“ aufzusuchen und nach der Schule wieder zum Busterminal zurück gehen. Dazu kommen vor allem die Lehrer/innen, die in ihren Autos von Ort zu Ort hetzen, um rechtzeitig in den Klassen zu stehen um die Kinder zu unterrichten. Dieser ständige Wechsel der Unterrichtsräume ist eine enorme Herausforderung für alle Lehrer/innen. Nicht nur die Zeit ist sehr knapp, gilt es doch „das Lehrerzimmer“ mit all den Unterrichtsbehelfen und Unterlagen stets im Auto mitzuführen.

Ja, wo sind nun unsere Klassen überall im Ort verstreut?

 

 

Unsere Kleinsten aus der 1.Klasse der Volksschule sind mit ihrer Klassenlehrerin im ehemaligen Telekomgebäude untergebracht, das uns der neue Eigentümer, Herr Messner Martin, dankenswerterweise zur Verfügung gestellt hat. Die Kleinen fühlen sich dort pudelwohl bestätigt Frau Holzmann-Bär. Die 2. und die 4.Klasse der Volksschüler beleben mit ihren Lehrerinnen das verlassene Postamt im Zentrum von Winklern. Herr Unterlader Werner freut sich, dass auch er einen Beitrag bei der Herbergsuche leisten kann und die Kinder und wir alle sind ihm sehr dankbar dafür. Die Kinder der 3.Klasse Volksschule haben im Altenwohnheim nicht nur eine ganz tolle Bleibe gefunden, sie bringen durch ihre Jugend und Unbekümmertheit den alten Menschen täglich eine willkommene Abwechslung in ihr beschauliches Dasein. Generationen verbindendes soziales Lernen in der Vorweihnachtszeit – die Freude über die schöne Bleibe ist auf beiden Seiten sehr groß. Wir wissen das Entgegenkommen der Verantwortlichen im AWH St.Laurentius jedenfalls sehr zu schätzen. Die Schüler haben sich in ihren neuen Klassen gleich sehr wohl gefühlt und der Schulalltag vermittelt wieder das Gefühl von Normalität, das die Kleinen brauchen.

Für die NMS – Klassen galt es je nach Schülerzahl in die unterschiedlich großen angebotenen Räume zu ziehen. Ganz spontan hat uns Familie Fercher von der Firma Solarier ihren schönen Seminarraum für die 2c Klasse überlassen. Diese spontane Geste von Herrn Fercher zeigt die Verbundenheit heimischer Unternehmer mit unserer Schule. Schließlich sind 25 Mädchen und Burschen im pubertären Alter täglich im Haus doch eine gewisse Unbekannte. Nicht nur wir Lehrer, sondern auch die Kinder wissen diese Großzügigkeit sehr zu schätzen

 

Die FF Reintal hat nicht nur einen wichtigen Beitrag bei den Löscharbeiten geleistet, sondern bot uns auch ihren Kameradschaftsraum für unsere Schüler an. Die 1b Klasse griff gerne zu und fühlt sich, obwohl der Schulweg nun ein wenig länger ist, dort sehr wohl. Für den Kommandanten Alois Zirknitzer, einst selbst Schüler unserer Schule, war dieses Angebot, das wir dankbar annahmen, keine lange Überlegung wert, denn wer schnell hilft, hilft doppelt. Wie gut für uns in dieser Zeit, dass im Areal des Nahversorgerzentrums einige Räume derzeit leer stehen, und noch besser für uns, dass die Eigentümer, die Familie Golger, uns auf Anfrage sofort 3 große Räumlichkeiten öffneten, in die wir in die wir mit den Klassen 1c, 3c und 4c mit viel Freude Einzug hielten.

 

 

Nicht nur als freundliche Wirte (anders als in der Weihnachtsgeschichte) entpuppten sich die Golgers, sie traten auch als Nikolaus auf und hatten damit die Gunst der Kinder wieder auf ihrer Seite. Ein herzliches Dankeschön dafür.

Christliche Nächstenliebe ist besonders in Notzeiten wichtig, für unseren Herrn Pfarrer also keine lange Überlegung. Auch die Kirche möchte ihren Beitrag leisten und wenn alle ein wenig zusammenrücken, hat auch im Pfarrhof eine Klasse Platz, meinte Pfarrer Hinc und die 3a Klasse pilgert seither täglich zum Haus von Gottes Diener. Gott – besser gesagt, dem Herrn Pfarrer – sei Dank dafür!

Für die Gemeinde Winklern und dem Bürgermeister, Herrn Thaler Johann, war es eine Selbstverständlichkeit, dass sie auch ihren Beitrag zur Unterbringung unserer Kinder leistet und wir griffen dankbar und gerne zu.

 

Für die 1a Klasse ist es ein besonderes Gefühl, im Sitzungssaal unterrichtet zu werden, wo sonst die Gemeinderäte über ungelöste Fragen brüten. Nebenan zogen die Mitglieder der Trachtenkapelle für die 3b Klasse aus ihrem Proberaum aus, um unseren Schülern einen ganz tollen Unterrichtsraum zu überlassen. Ob das Lernen in solcher Umgebung – optisch und akustisch betrachtet – besser gelingt? Wir werden sehen, sehr großer Dank unsererseits an Gemeinde und TK ist jedenfalls gegeben.

 

Nicht nur, dass wir die Räume im Einsatzzentrum nützen können, mehrere Erwachsenengruppen aus der Gemeinde mussten für ihre wöchentlichen Aktivitäten einen anderen Ort suchen, weil sie unseren Kindern in dieser Notlage das Vorrecht für ihre Ausbildung einräumten. Hoffentlich lernen die Schüler mit großem „Einsatz“ im „Zentrum“ Winklerns so gut wie es von ihnen erwartet wird. Dankbar sind wir allemal, dass wir so gut aufgenommen und aufgehoben sind. Sehr berührt hat uns das Angebot von Frau Steiner Helga, die im Frühstücksraum ihres Privathauses unsere kleine KOOP-Klasse beherbergt. Ob diese Kinder wohl wieder zurück wollen, wenn unser Haus wieder hergestellt sein wird?

Zwei Klassen, die 2a und die 2b, halten quasi die Stellung im Gebäudekomplex. Der Turnsaal, der glücklicherweise gänzlich ohne Schaden davongekommen ist, dient ihnen nun als riesiges Klassenzimmer. Und weil der Turnsaal eben als Klassenraum gebraucht wird, müssen auch die Turnlehrer/innen sehr flexibel und einfallsreich sein, um in dieser Jahreszeit Sport zu betreiben.

So bot sich nun dank der Unterstützung des Obermölltaler Schützenvereins die Gelegenheit für die Kinder, eine neue Sportart kennen zu lernen. Freiwillige Mitglieder des Schützenvereins stellten sich in den Dienst der Sache und unsere Schüler/innen machten als Sportschützen durchaus gute Figur. „Vielleicht bleibt der eine oder andere diesem Sport treu“, meinte Herr Rudolf Kerschbaumer und bot den Kindern an, auch in ihrer Freizeit den neuen Sport auszuüben. Neben dem Luftgewehr am Schießstand lernten einige Schülergruppen auch das Bogenschießen kennen, weil sich Frau Silvia Göritzer auch bereit erklärte, ihre Dienste dem Schulsport anzubieten. Ein großes Dankeschön den Schützen und Frau Göritzer.

Auch die schulische Tagesbetreuung, gerade im Herbst erst neu eingerichtet, musste ausziehen und hat im neuen Jugendzentrum Unterschlupf erhalten, weil die Obfrau, Frau Monika Lackner, nicht nur ihr Herz sondern auch die Pforte zum JUZ für unsere Schüler/innen bereitwillig öffnete.
Trotz dieser großartigen Unterstützung von so vielen Seiten freuen wir uns natürlich schon sehr darauf, wenigstens mit einem Teil unserer Klassen bald wieder ins Schulgebäude einzuziehen. Es sind vor allem die Fachräume, die uns abgehen – die Werkräume, der Turnsaal, die Schulküche, die Informatikräume und das Physik- und Chemielabor. Hier ist bei den Lehrer/innen sehr viel Improvisation und Kreativität gefordert, ein Zustand der über längere Zeit sehr schwer zu meistern ist. Wir sind aber alle sehr optimistisch, dass nach der Reinigung der Gebäudeteile, die nicht direkt vom Brand betroffen sind, wir bald wieder in unser Schulgebäude zurückkehren können. Die Wiederherstellung der beiden Ebenen im Gebäude, die vor allem durch die enorme Hitzeentwicklung nahezu gänzlich zerstört wurden, wird wohl noch längere Zeit in Anspruch nehmen. Wir wünschen allen Firmen, die mit der Wiederherstellung beauftragt werden, dass es ihnen gelingen möge, rasch und ohne Hindernisse unsere einst schöne Schule wieder bald bezugsfertig zu machen. Wir möchten uns auch beim Schulerhalter, dem Schulgemeindeverband Spittal/Drau, für die gute Zusammenarbeit bei der Bewältigung der aktuellen Situation sehr herzlich bedanken. Auch dafür, dass Sie nun diese etwas andere Weihnachtsgeschichte lesen können, verdanken wir einem regionalen Unternehmen, nämlich dem „Postwurf“, Herrn Bernhard Schrall, der uns diese Seiten kostenlos zur Verfügung gestellt hat.

Wir sind überzeugt, dass der starke Teamgeist unserer Lehrerschaft und der große Einsatz aller Beteiligten dazu führen wird, dass auch diese „Herbergsuche“ ein glückliches Ende findet, wie wir es aus der christlichen Weihnachtsgeschichte kennen. Wenn immer wieder davon gesprochen wird, dass jedes unangenehme Ereignis auch etwas Positives bewirkt, so ist es wohl die Erkenntnis und Gewissheit, dass die Bevölkerung des Oberen Mölltals zusammensteht, wenn es die Situation erfordert. Verlässlichkeit und Hilfsbereitschaft sind Werte, die uns unangenehme und schwierige Situationen meistern lassen. Daher blicken wir in großer Dankbarkeit allen Unterstützern gegenüber positiv nach vorne. Das ist „soziales Lernen“ in der Praxis für unsere Schülerinnen und Schüler. Ein solches Ereignis in der Schulzeit wird wohl allen unvergesslich bleiben, die genannten positiven Erkenntnisse hoffentlich auch.

Direktor Dr. Gustav Tengg mit seinen Lehrerinnen und Lehrern

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